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Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann Kanton Graubünden
Als ich etwa zehn Jahre alt war, teilten meine Eltern uns drei Kindern «Ämtli» im Haushalt und im Garten zu. Mein Bruder sollte – wie könnte es anders sein – Rasen mähen; ich sollte meiner Mutter in der Küche helfen. Ich rebellierte, bis ich mit ihm tauschen durfte. Er war ohnehin nicht scharf auf Gartenarbeit. Fortan mähte ich alle zwei Wochen den Rasen, während mein Bruder Unihockey spielte. So ungefähr war das, ehrlich.
Das ist lange her, und vieles hat sich verändert. Geschlechterstereotype sind weicher geworden: Jungs helfen im Haushalt, Mädchen spielen Fussball – kein Problem. Doch bei der unbezahlten Arbeit hat sich erstaunlich wenig bewegt. Frauen leisten nach wie vor über 60 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit, vor allem Mütter. Väter übernehmen zwar mehr Betreuung als früher. Aber insgesamt nimmt die unbezahlte Arbeitszeit von Frauen nicht ab, obwohl weniger Kinder geboren werden, weil die effektive Betreuungszeit zunimmt. Die Last ist nach wie vor ungleich verteilt. Und der sogenannte Mental Load – das ständige Mitdenken – bleibt ohnehin oft an den Frauen hängen.
Die Einkommens-Lücke
Diese unbezahlte Arbeit hat Folgen. Frauen arbeiten häufiger Teilzeit, verdienen im Schnitt weniger, haben schlechtere Karrierechancen und sind im Alter öfter von Armut betroffen. Über das ganze Leben gerechnet verdienen Frauen rund 40 Prozent weniger als Männer – der «Gender Overall Earning Gap».
Diese grosse Lücke besteht aus mehreren kleineren: dem Unterschied in der Erwerbsbeteiligung, dem Lohnunterschied und der Teilzeitstruktur. Zusammen führen sie später zum Gender Pension Gap.
Bis zur Familiengründung gehen neun von zehn Frauen einer Erwerbsarbeit nach, was europaweit ein Spitzenwert ist und dem Niveau der Männer entspricht. Doch mit dem ersten Kind steigt eine weitere dieser neun Frauen aus dem Berufsleben aus, während bei frisch gebackenen Vätern die Erwerbsquote sogar steigt. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es diesen «Einbruch» bei den Frauen. Aber während Mütter im übrigen Europa ihre Erwerbsarbeit spätestens mit Schuleintritt wieder aufnehmen, bleiben in der Schweiz Frauen, die ausgestiegen sind, oft zu Hause, auch wenn die Kinder älter sind. Dieser Effekt erklärt aber nur einen kleinen Teil der Einkommenslücke.
Der Lohnunterschied
Eine grössere Lücke ist der Gender Pay Gap. Frauen verdienen pro Stunde im Schnitt rund 16 Prozent weniger als Männer. Ein Teil davon ist erklärbar – durch Branche, Ausbildung oder Position –, ein Teil bleibt unerklärt. Zwar hat sich die Lücke in den letzten Jahren etwas verkleinert, aber sie besteht weiterhin.
Seit 1981 ist Lohngleichheit in der Verfassung verankert, seit 1996 gibt es ein Gleichstellungsgesetz, und seit 2020 müssen grössere Unternehmen Lohnanalysen durchführen. Es bewegt sich also etwas – aber langsam.
Die Teilzeit-Falle
Kommen wir zur dritten und grössten Lücke: Teilzeitarbeit. Rund 78 Prozent der Frauen arbeiten Teilzeit – ein europäischer Spitzenwert. Nach der Geburt eines Kindes reduzieren viele ihr Pensum stark und erhöhen es später kaum wieder, auch wenn die Kinder grösser werden.
Teilzeit erklärt rund die Hälfte der gesamten Einkommenslücke. Hier läge also der grösste Hebel. Doch die einfache Forderung «Frauen, arbeitet halt mehr!» greift zu kurz.
Ein Beispiel aus den Niederlanden zeigt das Problem: Dort versuchte man, Frauen zwischen 30 und 60 Jahren mit einer Kampagne zu höheren Pensen zu motivieren – mit dem Hinweis auf Fachkräftemangel und Rentenlücken. Die Reaktion war heftig: Viele empfanden es als Affront, sie sollten noch mehr leisten, obwohl sie bereits den grössten Teil der unbezahlten Arbeit tragen. Die Kampagne wurde gestoppt.
Die Betreuungs-Lücke
Was lernen wir daraus? Es geht nicht primär darum, dass Frauen mehr arbeiten, sondern darum, die unbezahlte Arbeit fairer zu verteilen und die Sozialversicherungswerke so zu gestalten, dass Frauen nicht benachteiligt werden.
Dazu braucht es bessere und bezahlbare Kinderbetreuung, Tagesschulen, Ferienangebote – und vor allem Väter, die ebenfalls reduziert arbeiten. Teilzeit sollte nicht nur in klassischen «Frauenberufen», sondern auch in gut bezahlten und qualifizierten Positionen selbstverständlich werden.
Dazu kommt eine unbequeme Frage: Warum wird technische Arbeit oft höher bewertet und besser bezahlt als soziale Arbeit, obwohl beides gesellschaftlich zentral ist?
Die Rentenlücke
Am Ende zeigt sich alles im Alter. Das heutige System der beruflichen Vorsorge benachteiligt Menschen mit Teilzeitpensen und mehreren Jobs. Beim BVG führt der Koordinationsabzug dazu, dass nur ein Teil des Einkommens überhaupt versichert ist.
Die Folge: Die durchschnittliche Rente von Frauen liegt deutlich unter jener der Männer. Über alle drei Säulen der Vorsorge hinweg beträgt der Gender Pension Gap rund 30 Prozent. Besonders betroffen sind alleinstehende Frauen im Alter.
Was für ein Ämtli meine Schwester fasste, weiss ich nicht mehr. Wahrscheinlich Putzen. Heute weiss ich aber: Ohne die finanzielle Absicherung meiner Eltern versänke ich als alleinerziehende Mutter im Gender Pension Gap. Danke, liebe Eltern.